12. September 2017 Sedlacik

Warnsignalen des sozialen Unfriedens entgegenwirken

Wir wehren uns, dass unser Wohngebiet Weimar-West fast immer nur mit negativen Schlagzeilen in der Öffentlichkeit steht und als sozialer Brennpunkt abqualifiziert wird.

Aus diesem Grund lud das „Bündnis SozialTransFair e.V.“ am 8. September 2017 zur Podiumsdiskussion ins Evangelische Gemeindezentrum “Paul Schneider” in Weimar-West ein. Das Bündnis und die anwesenden Einwohner und Einwohnerinnen wollten vor der Wahl wissen, welche Vorschläge die Bundestagskandidaten und Kandidatinnen oder ihre Vertreter_innen zum Erhalt des sozialen Friedens haben und was wir im Wohngebiet dazu beitragen können. Der Einladung folgten: Martin Röckert (CDU), Sven Steinbrück (Stadtrat, SPD), Martina Renner (MdB, DIE LINKE) und Sonja Gonschorek (Bündnis90/Grüne).

Pfarrer Hardy Rylke begrüßte die Anwesenden herzlich und betonte, dass eine solche Podiumsdiskussion unsere Demokratie stärkt. Die Stadträte Karl-Heinz Kraass (CDU) und Katja Seiler (DIE LINKE) gaben persönliche Einschätzungen als Diskussionsgrundlage.

Erste Statements von Martin Röckert und Sven Steinbrück erinnerten an vergangene Zeiten, wo nur über Erfolge gesprochen und Probleme ausgeblendet worden. Martina Renner und auch Sonja Gonschorek waren kritischer und erklärten, dass die Probleme des Wohngebietes nicht typisch für Weimar West sind, sondern grundlegende gesellschaftliche Herausforderungen. Den Menschen, welche ihren Platz in unserer Gesellschaft noch nicht gefunden haben, können noch so engagierte Sozialarbeiter nicht helfen. Die Betroffenen müssen eine gesellschaftliche Perspektive bekommen und von ihrer Hände Arbeit selbstbestimmt und würdig leben können. Die vorhandenen sozialen Probleme mit Staatsgewalt lösen zu wollen, führt in eine Sackgasse.

Im Wohngebiet gibt es regelmäßig ein Netzwerk-Treffen, wo die Vertreter_innen der sozialen Einrichtungen und Vereine vor Ort zusammenkommen, sich austauschen und nach Lösungen ringen. Aber nur der gute Wille reicht da nicht aus. Vielmehr muss garantiert werden, dass die Arbeitsplätze von den jetzigen Sozialarbeiter_innen und Streetworker_innen gesichert sind und neue geschaffen werden, um den steigenden Bedarf abzudecken. Auch sie arbeiten am Limit, denn fachliche Hilfe benötigen nicht nur die Kinder und die Jugendlichen sondern auch verstärkt ihre überforderten Eltern.

Über den Jugendklub Kramixxo & Waggong steht auf facebook: „Daumen HOCH sag ich als langjähriger Nachbar und vielen gemeinsamen Stunden. Top Angebote für Kinder und Jugendliche in einer Gegend, in der man die Liebsten noch ohne Sorge raus gehen lassen kann! Macht weiter so und bleibt wie Ihr seid!“ Anita Leyh hat ein Film über den Boxverein Weimar e.V. gedreht: „Ohne den Boxverein hätten es manche der Jungs nicht geschafft – gute Noten in der Schule, eine Ausbildung, eine eigene Wohnung zu bekommen. Sie erfahren und leben Respekt, akzeptieren Regeln, schinden sich für den Wettkampf. Sie sind wie eine Familie und – sie sind sehr erfolgreich.“ Unser Mehrgenerationenhaus (MGH) ist ein Ort der Begegnung mit vielfältigen Angeboten. Hier engagieren sich viele Menschen freiwillig für den Zusammenhalt der Generationen. Jedoch wird in jeder Legislatur des Bundestages erneut über die Finanzierung solcher Häuser gekämpft. Unser MGH ist bis 2020 gesichert, eine solche Einrichtung ehrenamtlich zu führen, ist nicht möglich.

Wenn wir solche Möglichkeiten sozialer Integration und sozialer Beteiligung nicht anbieten und die Menschen der Straße überlassen, wird der soziale Frieden gefährdet. Sie werden sich mehr und mehr von der Demokratie abwenden – und zwar nicht zuletzt deshalb, weil sie aus dem sozialen Gefüge ausgeschlossen werden oder sich ausgeschlossen fühlen.

Dem müssen wir gemeinsam entgegenwirken!

 

Stanislav Sedlacik