Kita-Zukunft in Weimar gestalten: Herausforderungen und Verantwortung
Wir erleben einen demografischen Wandel: Weniger Kinder werden geboren, die Gesellschaft wird immer älter. Dieser Wandel hat dazu geführt, dass im Kitajahr 2024/25 zwischen 450 und 960 Kitaplätze nicht besetzt wurden. Durch den Geburtenrückgang und fehlenden Zuzug junger Familien werden immer weniger Betreuungsplätze für Kinder ab einem Jahr in Weimar gebraucht.
Der Kitabedarfsplan für die Jahre 2025/2026 sieht nun Einschnitte vor, die schmerzlich sind – wir im Jugendhilfeausschuss (JHA) aber als notwendig ansehen, um unsere Kita-Landschaft planungssicher für die Zukunft zu gestalten. Als Linke tragen wir in diesem Gremium Verantwortung dafür, die Rahmenbedingungen für Bildung, Betreuung und Erziehung unserer Kinder bedarfsgerecht und sozial gerecht zu gestalten.
Wir haben uns im Prozess dafür eingesetzt, dass die notwendigen strukturellen Anpassungen nicht zulasten von Qualität, Angebotsvielfalt und sozialer Infrastruktur gehen. Unser Ziel war und ist: wohnortnahe Betreuung erhalten, Fachkräfte sichern, finanzielle Mittel im System Kinder- und Jugendhilfe halten.
Nach dem Beschluss sehen wir es als unsere Aufgabe der Stadtratsfraktion, die Umsetzung kritisch und transparent zu begleiten – und sicherzustellen, dass Zusagen eingehalten und zentrale Stärken unseres Systems erhalten bleiben. Wir werden genau hinsehen, nachfragen und öffentlich sichtbar machen, was gut läuft – und wo nachgesteuert werden muss.
Unsere zentralen Anliegen in der Umsetzungsphase
- Transparente Kommunikation und Beteiligung
Eltern und Beschäftigte müssen offen und verständlich informiert werden. Wir setzen uns dafür ein, dass Fragen, Sorgen und Vorschläge gehört werden und haben dieses Thema frühzeitig aufgegriffen – mit telefonischen Sprechstunden, Präsenz vor Ort, Gesprächen auf Demos sowie über unsere digitalen Kanäle.
- Sicherung aller Arbeitsplätze im System
Die Stadt und freien Träger haben zugesagt, dass alle Beschäftigten bleiben können. Wir nehmen diese Zusage ernst – und werden prüfen, ob sie eingehalten wird. Fachkräfte brauchen verlässliche Perspektiven – ohne Umwege in prekäre Beschäftigung. Wir können als Fraktion nicht selbst über Arbeitsverträge entscheiden, aber wir können verhindern, dass Zusagen still aufgeweicht werden.
- Investitionen gezielt steuern: Mittel gezielt in der Kinder- und Jugendhilfe halten
Für uns ist klar: Die entstehenden finanziellen Spielräume verbleiben im Bereich Kinder- und Jugendhilfe. Sie fließen in präventive und familienunterstützende Angebote. Oberbürgermeister Peter Kleine hat den Verbleib der Mittel zugesagt. Wir werden diesen Prozess kritisch begleiten und darauf achten, dass die Mittel dort ankommen, wo sie gebraucht werden.
- Kontrolle und Nachsteuerung ermöglichen
Die Umsetzung muss regelmäßig im Jugendhilfeausschuss ausgewertet werden. Wir fordern, dass Erfahrungen aus der Praxis in den Folgeprozess einfließen – auch, um Fehlentwicklungen zu korrigieren.
Warum müssen Plätze abgebaut werden?
Der Hauptgrund für die aktuellen Planungen zeichnet sich seit einigen Jahren ab: Seit 2015 sinkt die Zahl der in Weimar geborenen Kinder. Während in früheren Jahren teils über 600 Kinder pro Jahr geboren wurden, waren es 2024 nur noch 366 Kinder. Erschwerend kommt hinzu, dass die geburtenstarken Jahrgänge 2025 die Kitas verlassen, während die nachwachsenden Jahrgänge immer kleiner werden.
Zum Stichtag 1.3.2025 wurden in den Weimarer Kindertageseinrichtungen 2.744 Kinder betreut. Insgesamt sind 3.448 Plätze vorhanden, so dass 708 Plätze frei blieben. Laut Prognosen werden die Zahlen der zu betreuenden Kinder in den kommenden Jahren weiter zurückgehen. Schon im März 2026 könnten in Weimar etwa 881 Kitaplätze unbesetzt bleiben. Selbst im Juni 2026 – dem Monat mit den erfahrungsgemäß meisten Kita-Kindern – werden voraussichtlich noch rund 801 Plätze frei sein. Eine moderate Steigerung wird erst nach 2028 erwartet, nach aktuellem Kenntnisstand erreicht diese nicht das frühere Niveau.
Wenn eine hohe Anzahl von Plätzen vorgehalten werden, hat das erhebliche Auswirkungen auf die Kosten pro Kind und kann die Stabilität der gesamten Kita-Landschaft gefährden. Zudem wird es für Tagesmütter und -väter wirtschaftlich schwieriger, auch bei ihnen sind die Kinderzahlen rückläufig. Mit einer bedarfsgerechten Anpassung möchten wir ein funktionierendes, zukunftssicheres Gesamtsystem aufrechterhalten.
Der Plan des Jugendhilfeausschusses: 500 Plätze weniger
Der JHA hat darauf gründend beschlossen, auf diese Entwicklung zu reagieren und insgesamt 500 Plätze in Kindertageseinrichtungen abzubauen. Dieser Abbau sollte durch Reduzierungen an bestehenden Einrichtungen und – wenn dies nicht anders möglich ist – durch die Schließung etwaiger Einrichtungen erfolgen.
Um diesen Prozess sozialverträglich zu gestalten, wurde ein Vorgehen entwickelt, das Kriterien für den Erhalt bestimmter Einrichtungen festlegt. Der JHA beschloss einen "Negativkatalog", der bestimmte Kitas von einer Schließung ausnimmt. Für uns als Linke war und ist entscheidend, dass dies nur mit sozialpolitischer Verantwortung geschehen kann. Zu den Kriterien, die den Erhalt sichern sollen, gehören unter anderem:
- Erhalt der Träger- und Konzeptvielfalt. Weimar zeichnet sich durch eine Vielfalt aus, die erhalten bleiben muss.
- Erhalt integrativer Einrichtungen. Kinder mit besonderem Förderbedarf sollen grundsätzlich inklusiv betreut werden.
- Erhalt von Kitas mit besonders langen Öffnungszeiten, um den Bedarfen berufstätiger Eltern gerecht zu werden.
- Erhalt von Kitas in bestimmten Planungsräumen. Insbesondere der Planungsraum III (Nordvorstadt) ist von Veränderungen aufgrund bestehender Unterversorgung ausgenommen. Auch Kitas in ländlichen Ortsteilen sowie in Weimar West, Nord und Schöndorf sollen erhalten bleiben, da sie wichtige soziale Infrastruktur darstellen.
- Erhalt von neu gebauten und sanierten Kitas und die Vermeidung von Schließungen, die zur Rückzahlung von Fördergeldern führen würden. Dies sichert getätigte Investitionen und schützt den städtischen Haushalt.
- Erhalt der Kindertagespflege (Tagesmütter/-väter) als gleichwertiges und wichtiges Angebot, besonders für die jüngsten Kinder.
Für die Einrichtungen, die nicht unter diese Ausschlusskriterien fallen, wurde eine Bewertungsmatrix entwickelt. Diese Matrix berücksichtigt Kriterien wie Planungsraum, Investitionsbedarfe, Betriebskosten pro Platz (ohne Personalkosten) und Auslastungsquote, um eine Grundlage für die Auswahl der zur Schließung vorgeschlagenen Kitas zu schaffen. Die Bewertungsmatrix wurde am 7.5.25 vom JHA beschlossen. Die darauf erarbeiteten Vorschläge der Stadtverwaltung Weimar wurden in der Sitzung des Unterausschuss Kita am 28.5.25 in einer öffentlichen Sitzung vorgestellt und diskutiert.
Umsetzung in zwei Schritten und Übergangsphase
Die Reduzierungen in bestehenden Einrichtungen sollen bereits zum 1.8.25 in Kraft treten, die Schließungen ganzer Einrichtungen allerdings erst bis zum 31.7.26 erfolgen. Diese Übergangsphase von einem Kitajahr wurde bewusst gewählt, um betroffenen Einrichtungen, Eltern und Kindern Zeit zu geben, sich auf die Veränderungen einzustellen. Kinder, die im Sommer 2026 eingeschult werden, können so noch in ihrer gewohnten Kita bleiben.
Mit dem Beschluss des Bedarfsplans 2025/2026 wird ein Aufnahmestopp für die Einrichtungen verhängt, die zur Schließung vorgesehen sind.
Die Entscheidung des Jugendhilfeausschusses im Juni 2025
Am 3.6.25 hat der JHA für die Umsetzung des Kitabedarfsplans 2025/2026 gestimmt. Alle demokratischen Parteien und die Wählerinitiative Weimarwerk, die im JHA vertreten sind, haben sich für den Planungsvorschlag der Stadtverwaltung ausgesprochen. Lediglich die freien Träger haben sich bei der Abstimmung enthalten.
Dieser breite Konsens war das Ergebnis intensiver fraktionsübergreifender Gespräche aller Mitglieder des JHA im Vorfeld der Abstimmung. Wir im JHA, unabhängig von der Parteizugehörigkeit, haben in den letzten Wochen den Dialog mit Eltern und Erziehenden auch während Protestveranstaltungen und darüber hinaus gesucht und gefunden. Besonders hervorzuheben ist das Engagement unserer Stadträtin Jana Körber, die betroffenen Eltern eigene Gesprächszeiten anbot, die intensiv und konstruktiv genutzt wurden. Die Fraktion Die Linke wird über die nächsten Wochen weiter das Gespräch suchen, um aufzuklären und zu unterstützen.
Blick nach vorn – Mut für die Zukunft
Die Anpassung der Kita-Landschaft ist eine große Herausforderung, die nur gemeinschaftlich und in einem ehrlichen, transparenten und respektvollen Prozess bewältigt werden kann. Im JHA, gemeinsam mit der Verwaltung, den freien Trägern und der Elternvertretung (Stakkie), arbeiten wir daran, die bestmöglichen Lösungen für die Kinder, ihre Familien und die Fachkräfte zu finden.
Auch wenn es schwierig ist, sich von vertrauten Einrichtungen verabschieden zu müssen, so sehen wir diesen Schritt als notwendig an, um langfristig eine bedarfsgerechte und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung in Weimar zu gewährleisten. Unser Ziel bleibt eine vielfältige, inklusive und gut ausgestattete Kita-Landschaft, in der jedes Kind die bestmögliche Förderung erhält.
Wir machen uns stark dafür, dass die Umsetzung des Bedarfsplans mit großer Sorgfalt, offener Kommunikation und umfassender Begleitung erfolgt. Wir sind überzeugt, dass Weimar auch nach diesen Anpassungen eine Kinderbetreuungslandschaft haben wird, die den Bedarfen der Familien gerecht wird und die Vielfalt und Qualität bietet, die unsere Stadt auszeichnen.
